Betroffenheit ernst nehmen
Über Sorgen, Gefühle und was ein Faktencheck damit zu tun hat.
Sorgen sind keine Fehler
Wenn sich die vertraute Landschaft verändert, wenn am Lieblingsweg bald Windräder stehen, wenn man um den Wert des eigenen Hauses bangt, dann sind das echte Gefühle und oft echte Betroffenheit. Das nehme ich ernst. Niemand muss sich dafür rechtfertigen, und ich werde niemandem seine Gefühle ausreden.
Zwei Dinge, beide ernst
Was ich hier nicht tue
- Ich rede niemandem seine Sorgen aus.
- Ich benutze den Nocebo-Effekt nicht, um jemandem zu sagen, er bilde sich etwas ein. Wer Beschwerden hat, hat sie wirklich.
- Ich halte niemandem eine Statistik vor die Nase, um seine Angst ums Eigenheim für unberechtigt zu erklären. Ein Durchschnitt sagt nichts über den Einzelfall.
- Ich sage nicht "beruhigt euch, hier sind die Fakten". So meine ich es nicht.
Was ich tue
- Ich prüfe überprüfbare Tatsachenbehauptungen.
- Ich erkläre den wissenschaftlichen Konsens und die Rechtslage.
- Ich benenne Desinformation.
Eine Meinung oder eine Sorge kann man nicht "widerlegen". Eine Behauptung wie "Infraschall macht krank" oder "der Hauswert fällt um die Hälfte" dagegen schon. Nur Letzteres ist mein Thema.
Sorgen mit Fakten wegzuwischen nimmt Menschen nicht ernst.
Warum Angst nicht harmlos ist
Hier wird es heikel, deshalb sage ich es vorsichtig. Gefühle sind das eine. Gezielt geschürte Angst ist etwas anderes, und sie ist nicht folgenlos.
Es geht dabei längst nicht nur um Infraschall. Die Beschwerden, die man Windrädern zuschreibt, reichen von Schlafstörungen über Kopfschmerzen und Schwindel bis zu Herzklopfen. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass viele davon eher mit der Erwartung, krank zu werden, zusammenhängen als mit der Anlage selbst. Allein diese Erwartung kann echte Symptome auslösen, auch wenn der vermutete Auslöser gar nicht da ist (Crichton et al. 2014, Health Psychology). Und solche Beschwerden traten vor allem dort und dann auf, wo zuvor öffentlich vor Gesundheitsgefahren gewarnt wurde, nicht einfach dort, wo Anlagen stehen (Chapman et al. 2013). Die Symptome folgen oft der Erzählung, nicht der Anlage (Crichton et al. 2014, Frontiers in Public Health).
Das ist kein Vorwurf an die Besorgten, sondern an die Angstmacherei. Und es heißt nicht, dass jede Beschwerde eingebildet ist: Wer sich von hörbarem Geräusch oder Schattenwurf gestört fühlt, hat ein echtes Problem, für das es Grenzwerte und Auflagen gibt. Es heißt: Wer pauschale Gesundheitsangst vor Windrädern schürt, kann genau das Leid erst erzeugen, das er zu bekämpfen vorgibt. Das gilt für Infraschall wie für jede andere behauptete Gesundheitsgefahr. Am besten untersucht ist das bei der Angst vor WLAN- und Mobilfunkstrahlung: Wer zuvor einen Warnfilm über deren angebliche Gefahren gesehen hatte, berichtete deutlich mehr Beschwerden durch ein Funksignal, das in Wahrheit gar nicht eingeschaltet war (Witthöft & Rubin 2013).
Und das Hoffnungsvolle: Wer sachlich über diesen Mechanismus aufgeklärt wird, berichtet anschließend weniger Beschwerden (Crichton & Petrie 2015). Auch das Umweltbundesamt behandelt die Sorge vor Infraschall genau so, als Aufklärungsaufgabe, und hat dafür ein eigenes Konzept vorgelegt (TEXTE 111/2024). Desinformation aufzudecken ist deshalb kein Wegwischen von Sorgen. Es schützt gerade die, die ehrlich besorgt sind, davor, mit haltlosen Behauptungen krank geredet zu werden.
Was Betroffenheit verdient
Nicht eine Fakten-Dusche, sondern echte Antworten: faire Beteiligung an den Erträgen, verbindliche Schutzauflagen bei Schall und Schattenwurf, ernst gemeinte Mitsprache im Verfahren. Auf dieser Ebene nimmt man Betroffenheit ernst. Das ist die Debatte, die sich lohnt.
Und an die, die solche Behauptungen teilen
Die allermeisten, die Warnungen vor Infraschall oder Wertverlust weitergeben, tun das aus ehrlicher Sorge, nicht aus Berechnung. Das nehme ich ihnen ab. Genau da liegt aber auch die Verantwortung: Wer eine Behauptung teilt, ohne sie zu prüfen, gibt die Angst weiter, nicht die Wahrheit. Und Angst kann, wie oben beschrieben, selbst krank machen.
Jede Sorge darf offen ausgesprochen werden. Aber bevor man eine konkrete Gesundheits- oder Zahlenbehauptung in Umlauf bringt, lohnt eine einzige Frage: Stimmt das, und woher weiß ich es? Wenn die Quelle eine andere Facebook-Seite ist, ein Vortrag oder ein Bauchgefühl, ist es noch kein Fakt. Diese Prüfung ist kein Misstrauen gegen die eigenen Leute. Sie ist Rücksicht auf die, die man eigentlich schützen will.
Worauf das hier hinausläuft
Gefühle und Fakten sind zwei verschiedene Dinge, und beide verdienen Respekt. Wer Sorgen mit falschen Zahlen begründet, macht die echten Anliegen angreifbar. Wer Sorgen mit Fakten wegwischt, nimmt Menschen nicht ernst. Ich versuche, beide Fehler zu vermeiden.
Leon Machenswindkraft-nottuln.de
Quellen: Crichton et al. 2014 (Health Psychology); Crichton et al. 2014 (Frontiers in Public Health); Crichton & Petrie 2015 (Environmental Research); Chapman et al. 2013 (PLOS One); Witthöft & Rubin 2013 (Journal of Psychosomatic Research); Rubin et al. 2005 (Psychosomatic Medicine); Umweltbundesamt, Aufklärungskonzept Infraschall (TEXTE 111/2024).
Mehr erfahren
Die überprüfbaren Behauptungen rund um die emotionalen Themen - im Faktencheck.
Was der wissenschaftliche Konsens zu Infraschall von Windrädern sagt - und was nicht.
Zur FAQ →Das DGIM-Poster zu Windkraft und Herzerkrankungen - was es ist und was nicht.
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