Faktencheck: Schulte-Vortrag in Nottuln

29. April 2026, Forum Rupert-Neudeck-Gymnasium

Veranstaltung: Eingeladen von Gegenwind Nottuln, ca. 100 Besucher
Grundlage: Mitschriften und Notizen aus dem Vortrag
Bezug: Ergänzung zum Faktencheck der YouTube-Videos (18 Behauptungen)
Kontext: Prof. Schulte sprach am 29. April auf Einladung von Gegenwind Nottuln im Gymnasium. Dieser Faktencheck prüft neue Behauptungen aus dem Vortrag, die über die bereits auf dieser Website dokumentierten 18 Behauptungen aus seinen YouTube-Videos hinausgehen. Der WN-Bericht von Viola ter Horst erschien am 02.05.2026.

1. Grundmuster des Vortrags

Schulte baut jeden Themenblock nach Hegel auf: These (Pro-Windkraft-Position) - Antithese (seine Gegenposition) - Synthese. In jedem einzelnen Fall ist die Synthese gleich der Antithese. Es gibt keine echte Synthese im Hegelschen Sinne - die Gegenposition "gewinnt" immer.

Bemerkenswert: Im Vortrag formuliert Schulte vorsichtiger als in seinen YouTube-Videos. Er sagt "eindeutig wahrscheinlich" und "Indizien" statt "gesichert gesundheitsgefährdend" (Video 5). Er vermeidet Begriffe wie "Klimanationalismus", "Staatsfunk" und "Mietwissenschaftler", die in den Videos vorkommen. Mehrere Behauptungen aus den Videos - etwa der Rechenfehler bei Bisphenol A (Faktor 25 daneben) oder die 13,3 Billionen Euro (PwC-Studie sagt das Gegenteil) - tauchen im Vortrag nicht mehr auf. Schulte zeigte diese Website als eine seiner Quellen, die er angeblich widerlegt.

2. Behauptungen aus dem Vortrag

Behauptung 1: "18.000 Probanden" belegen Herzrisiko durch Windkraft

Bewertung: MEHRFACH IRREFÜHREND
"Eine ganz aktuelle Studie aus Paderborn [...] 18.000 Probanden [...] deutlich erhöhte Inzidenz von Herzinsuffizienz und Rhythmusstörungen"
- Prof. Schulte, Vortrag Nottuln

Was nicht stimmt:

Quellen: Poster P-15-07 (PDF), DGIM-Kongressprogramm, Mueller et al. 2022 (PMC9703817)

Behauptung 2: "Das UBA vergleicht mit Braunkohle"

Bewertung: FALSCH
"Der Vergleich war Braunkohle. [...] Wenn wir nach Frankreich gucken, dann amortisiert sich ein Windrad erst nach elf oder zwölf Jahren. Weil die nur 45 Gramm CO2 haben."
- Prof. Schulte, Vortrag Nottuln

Was nicht stimmt:

Quellen: UBA Climate Change 03/2025 (PDF, S. 22+28), RTE France 2025: 19,6 g/kWh

Behauptung 3: "In den meisten WEA über 1.000 kg Seltene Erden"

Bewertung: FALSCH FÜR DEUTSCHLAND
"In den meisten Windkraftanlagen weit über 1000 kg seltene Erden aus China."
- Prof. Schulte, Vortrag Nottuln

Was stimmt: 90% der Seltenen Erden kommen aus China (IEA 2024). Direct-Drive-Anlagen (z.B. Siemens Gamesa) brauchen ~1.000-1.200 kg Permanentmagnete pro 6 MW.

Was falsch ist: "Die meisten" stimmt nicht für Deutschland. Enercon, der deutsche Marktführer im Onshore-Bereich, nutzt null Permanentmagnete und null Seltene Erden - sie verwenden fremderregte Generatoren. Getriebe-Anlagen (z.B. Vestas, Nordex) brauchen rund 10x weniger als Direct-Drive.

Quellen: IEA: Critical Minerals 2024

Behauptung 4: "Deutschland einziges EU-Land" das Infraschall für harmlos hält

Bewertung: FALSCH
"Frankreich und Dänemark haben ihre Position schon geändert."
- Prof. Schulte, Vortrag Nottuln

Was nicht stimmt: Beide Länder halten dieselbe Position wie Deutschland:

Schulte nennt keine Quelle für die angebliche Positionsänderung. Die offiziellen Stellungnahmen beider Länder sind öffentlich zugänglich und widersprechen seiner Behauptung.

Quellen: ANSES 2017 (Frankreich)

Behauptung 5: Frankreich hat Entschädigung für WEA-Anwohner "beschlossen"

Bewertung: FALSCH
"Frankreich hat Entschädigungen von 20.000-80.000 EUR beschlossen."
- Prof. Schulte, Vortrag Nottuln

Was nicht stimmt: Frankreich hat kein Entschädigungsgesetz für WEA-Anwohner. Es handelt sich um einzelne Gerichtsurteile (Toulouse 2021, Strasbourg 2024), bei denen Gerichte Entschädigungen für eine Mischung aus Wertminderung und Gesundheitsbeeinträchtigung zusprachen. Einzelne Urteile sind keine Gesetzgebung.

Zum Vergleich: Dänemark hat tatsächlich ein gesetzliches Entschädigungsschema (VE-loven, seit 2009). Dort liegt der Durchschnitt bei ~7.600 EUR pro Haushalt - weit unter den von Schulte genannten französischen Einzelfällen.

Quellen: Légifrance (kein Entschädigungsgesetz auffindbar), VE-loven (Dänemark)

Behauptung 6: Stockum ist Schwachwindstandort - "sinnbefreit"

Bewertung: IRREFÜHREND
"Mit dem Kubikgesetz ist Windkraft in Nottuln sinnbefreit. Der Kapazitätsfaktor steigt trotz Ausbau kaum - von 18% auf 22%."
- Prof. Schulte, Vortrag Nottuln

Was stimmt: Das Kubikgesetz (Leistung ~ Windgeschwindigkeit hoch 3) ist korrekte Physik. Mehr Wind = überproportional mehr Strom.

Was nicht stimmt:

Quellen: BNetzA Ausschreibungsergebnisse, Stadtwerke Münster: Nottuln

Behauptung 7: "Gewerbesteuer fließt erst ab Jahr 8-12"

Bewertung: VERALTET - VERSCHWEIGT ZWEI REFORMEN
"Die GmbH und Co.KG zahlt die ersten 8 oder 10 Jahre auch keine Gewerbesteuer [...] Ab Jahr 8, 10 oder 12 kommt der erste Euro."
- Prof. Schulte, Vortrag Nottuln

Was fehlt:

Quellen: §29 GewStG, §6 EEG

Behauptung 8: RWE macht "5,1 Milliarden Vorsteuergewinn"

Bewertung: IRREFÜHREND - EBITDA IST NICHT VORSTEUERGEWINN
"5,1 Milliarden Vorsteuergewinn in 2025 [...] 9% geht an Qatar und 6% an BlackRock"
- Prof. Schulte, Vortrag Nottuln

Was nicht stimmt: Die 5,1 Mrd. EUR sind das bereinigte EBITDA (Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) - nicht der Vorsteuergewinn. Der Nettogewinn lag bei 1,8 Mrd. EUR. Schulte übertreibt den Gewinn um den Faktor 2,8.

Was stimmt: Qatar hält 9,3%, BlackRock 5,9% der RWE-Aktien. 62% institutionelle Investoren aus dem Ausland. Aber: Das gilt für jedes DAX-Unternehmen mit internationalen Aktionären.

Was fehlt: Für Nottuln/Stockum ist der Betreiber die Stadtwerke Münster - ein 100% kommunales Unternehmen. Kein Qatar, kein BlackRock, kein RWE.

Quelle: RWE Shareholder Structure, RWE Pressemitteilung 12.03.2026

Behauptung 9: EEG bezahlt für nicht produzierten Strom

Bewertung: VERALTET - VERSCHWEIGT REFORM
"Geniales Geschäftsmodell - Geld für nie gelieferte Kilowattstunden."
- Prof. Schulte, Vortrag Nottuln

Was teilweise stimmt: Bei Netzengpässen werden WEA abgeregelt und erhalten 95% Entschädigung (Redispatch). Das betrifft 3,5% der EE-Produktion (9,4 TWh in 2024).

Was Schulte verschweigt:

Quellen: §51 EEG (Nullvergütung), SMARD Jahresbericht 2024

Behauptung 10: "30.000 Haushalte versorgen" ist "sachlich falsch"

Bewertung: TEILWEISE BERECHTIGT - FRAMING-FRAGE
"Die Aussage ist einfach nur falsch [...] An ca. 60 Tagen werden die Anlagen komplett stillstehen."
- Prof. Schulte, Vortrag Nottuln

Was stimmt: Die 30.000 ist eine rechnerische Jahresgröße (Jahresproduktion geteilt durch Durchschnittsverbrauch). Mathematisch korrekt: 7 x 6,6 MW x ~2.200 Volllaststunden = ~102.000 MWh / 3.500 kWh = ~29.000 Haushalte. Die Stadtwerke schreiben "könnten" (Konjunktiv). "Sachlich falsch" übertreibt.

Was nicht stimmt: "60 Tage komplett still" ist nicht belegt. Ein Kapazitätsfaktor von ~22% bedeutet, dass im Jahresdurchschnitt 22% der Maximalleistung erzeugt werden - nicht, dass die Anlage 78% der Zeit steht. Auch bei schwachem Wind wird Strom produziert.

Quelle: Stadtwerke Münster: Windenergie

Behauptung 11: Nachrangdarlehen = "Finger weg!"

Bewertung: RISIKO KORREKT, KONTEXT FEHLT
"Finger weg von einer Bürgerbeteiligung bei Windkraft! [...] Der Erwerb dieser Vermögensanlage ist mit erheblichen Risiken verbunden und kann zum vollständigen Verlust des eingesetzten Vermögens führen."
- Prof. Schulte, Vortrag Nottuln (Synthese zu Bürgerbeteiligung)

Was stimmt: Nachrangdarlehen sind nachrangig - bei Insolvenz werden sie zuletzt bedient. Die zitierte Risikowarnung ist gesetzlich vorgeschrieben (VermAnlG §13). Green City AG ist ein reales Beispiel (nachrangige Gläubiger erhielten nichts).

Was fehlt:

Quellen: VermAnlG §13 (Risikohinweise), beteiligung.nottuln.de

Behauptung 12: Infraschall-Klagen haben "100% Verlustchance"

Bewertung: KORREKT - UND SELBSTWIDERSPRUCH
"Wenn Sie mit Infraschall klagen, sagt Ihnen jeder vernünftige Anwalt, 100% verlieren Sie vor Gerichten aktuell."
- Prof. Schulte, Fragerunde

Schulte räumt ein, dass Infraschall als Berufskrankheit nicht anerkannt ist und Klagen aussichtslos sind. Das widerspricht seiner eigenen Darstellung in Video 5, wo er Infraschall als "gesichert gesundheitsgefährdend" bezeichnet. Wenn es "gesichert" wäre, würden Gerichte anders urteilen.

Vergleich: Behauptung 7 im Video-Faktencheck ("gesichert gesundheitsgefährdend")

Behauptung 13: Schulte räumt selektive Wahrnehmung ein

Bewertung: SELBSTADMISSION
"Natürlich hat jeder, wie wir alle sitzen, selektive Wahrnehmung und wir nehmen gegebenenfalls bei der Quellenauswahl durchaus vor allen Dingen das wahr, was gegebenenfalls in den Narrativen im Kopf ist."
- Prof. Schulte, Fragerunde (auf Nachfrage von Leon Machens)

Ein bemerkenswertes Eingeständnis. In seinen Videos und im Vortrag selbst zeigt sich genau dieses Muster: Peer-reviewte Studien (RWI, PNAS, UBA) werden verworfen, während Kongressposter, Makler-Blogs und Meinungsartikel als Belege dienen.

Vergleich: Muster #10 im Video-Faktencheck (Peer-Review-Anspruch vs. eigene Quellen)

Behauptung 14: 200.000 tote Fledermäuse und 100.000 tote Vögel pro Jahr

Bewertung: ZAHLEN PLAUSIBEL, KONTEXT FEHLT
"200.000 Fledermäuse und 100.000 bis 200.000 Vögel pro Jahr sterben an Windkraftanlagen."
- Prof. Schulte, Vortrag Nottuln

Was stimmt: Die Größenordnung ist durch Hochrechnungen belegt (Voigt et al. 2024, BioScience). Die Zahl gilt für Anlagen ohne Schutzmaßnahmen.

Was fehlt:

Quellen: NABU: Vogelgefährdungen, Voigt et al. 2024 (BioScience)

3. Was Schulte systematisch verschweigt

Neben den oben geprüften Behauptungen fällt auf, was Schulte in seinem Vortrag nicht erwähnt:

Quellen: Grundstücksmarktbericht 2026, Kreis Coesfeld (PDF, amtliche Transaktionsdaten)

4. Fragerunde - Highlights

Falsche Zahlen aus dem Publikum

Eine Zuhörerin behauptete, der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix liege bei "circa 10%" und Deutschland zahle "590 Millionen Euro pro Tag" an Subventionen. Beide Zahlen sind grob falsch: Der EE-Anteil an der Bruttostromerzeugung lag 2025 bei 58,6% (Destatis). Die genannte Subventionssumme ist nicht nachvollziehbar. Niemand im Saal korrigierte - auch Schulte nicht.

"Dünnerei von Fakten ist Nonsens"

Ein Zuhörer sagte wörtlich, "diese ganze Dünnerei von irgendwelchen Fakten" sei für ihn "Nonsens". Schulte antwortete: "Möchte ich zu gewissen Teilen unterstreichen" und lenkte auf den Wertverlust der Kulturlandschaft. Der Aussage, dass Fakten Nonsens seien, widersprach er nicht.

Dezibel-Erklärung: 300.000-fache Schallintensität

Aus dem Publikum wurde darauf hingewiesen, dass die Laborexperimente zu Infraschall (Salt & Lichtenhan) bei 130+ Dezibel durchgeführt wurden, während bei Anwohnern von Windkraftanlagen maximal 55-75 Dezibel gemessen werden. Da Dezibel logarithmisch ist, entspricht dieser Unterschied dem 300.000-fachen Schallintensität - nicht "fast doppelt so viel".

Der Vergleich: Das ist so, als würde man die Gefährlichkeit von Wasser damit beweisen, dass man jemanden untertaucht - und dann behaupten, Regen sei tödlich.

Schulte wich auf eine andere Studie aus (Kaula 2026, publiziert bei ESMED/Medical Research Archives - kein Impact Factor, nicht in PubMed) und räumte ein, diese sei "noch nicht Peer-Review".

5. Einordnung

Neben den oben dokumentierten Behauptungen wurden weitere Aussagen aus dem Vortrag gegen Originalquellen geprüft. Das Ergebnis ist gemischt: Einige Punkte sind korrekt oder teilweise korrekt, ein erheblicher Teil ist irreführend oder falsch, und mehrere Behauptungen ließen sich nicht unabhängig prüfen.

Schulte hat in einzelnen Punkten berechtigte Anliegen: Die Unterfinanzierung von Rückbausicherheiten bei Altgenehmigungen ist real. Die Risiken von Nachrangdarlehen sind korrekt dargestellt. Und seine Kritik, dass "Jeder Euro bleibt in der Region" eine Vereinfachung ist, ist berechtigt - das wurde auf dieser Website entsprechend korrigiert.

Das Gesamtbild zeigt jedoch dasselbe Muster wie in den Videos: Korrekte Teilaspekte werden mit stärkerer Wortwahl präsentiert als die Quellen hergeben, bestehende Schutzmaßnahmen und aktuelle Gesetzesänderungen werden nicht erwähnt, und die "Synthese" ist in jedem Block identisch mit der Antithese.

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